Kaum ein Platz war frei, als die Integrationsstiftung Schwabach gemeinsam mit dem
städtischen Schulreferat zu einem Abend über die psychische Gesundheit von Kindern und
Jugendlichen einlud. Das Interesse war groß –Eltern, Lehrkräfte, Fachleute aus
therapeutischen Berufen füllten das Bürgerhaus. Was sie dort hörten, war erhellend, aber
auch alarmierend.
Altoberbürgermeister Matthias Thürauf, der die Veranstaltung für die Integrationsstiftung
eröffnete, erklärte, Integration sei kein Thema, das sich auf Migration beschränke. „Wer
nicht seelisch gesund ist, kann nicht wirklich teilhaben – in der Schule, in der Freizeit oder in
der Familie“, so Thürauf. Die Stiftung habe sich deshalb vorgenommen, in die Schulen zu
gehen, um dort präventive Angebote für Schülerinnen und Schüler zu machen.
Oberbürgermeister Peter Reiß und Bezirksrätin Cornelia Grießbeck machten in ihren
Grußworten den hohen Stellenwert psychischer Gesundheit junger Menschen deutlich.
Referentin des Abends war die Ansbacher Chefärztin Dr. Kathrin Herrmann, Fachärztin an
der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
am Bezirksklinikum. In einem anschaulichen Vortrag führte sie das Publikum durch aktuelle
Forschungsergebnisse, erklärte, was hinter Begriffen wie Resilienz und Vulnerabilität steckt –
und zog am Ende klare Schlussfolgerungen.
Mehr als jedes fünfte Kind – eine erschreckende Bilanz
Die Zahlen, die Dr. Herrmann präsentierte, ließen aufhorchen. Trotz deutlicher Verbesserung
der Lage nach Ende der Corona-Pandemie zeigen die COPSY-Studien aktuell bei über 20% der
Kinder und Jugendlichen psychische Auffälligkeiten einhergehend mit einer geminderten
Lebensqualität. Folglich gibt es wohl allein im Versorgungsgebiet der Ansbacher Klinik bei
jungen Menschen unter 18 Jahren über 20.000 Betroffene. Der Studie zufolge haben
Jugendliche wachsende Sorgen wegen Kriegen (70%), Terrorismus (62%), Wirtschaftskrisen
(57%), der gesellschaftlichen Spaltung (57%), aber auch wegen Zuwanderung (51%) oder der
Klimakriese (49%).
Besonders besorgniserregend sind die Daten des aktuellen DAK Kinder- und Jugendreports
2026 aus Baden-Württemberg, die als repräsentativ für den bundesweiten Trend gelten
dürfen: Angststörungen bei Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren stiegen zwischen 2019 und
2024 um 55 Prozent, chronische Angststörungen sogar um 143 Prozent. Depressionen bei
Mädchen nahmen um 35 Prozent zu, Essstörungen um 43 Prozent. Hinzu kommt ein
massiver Anstieg bei pathologischem Gaming und problematischer Nutzung sozialer Medien.
Was Kinder stark macht – und was sie schützt
Doch der Vortrag blieb nicht bei Problemdiagnosen stehen. Dr. Herrmann legte großen Wert
auf das, was Kinder und Jugendliche widerstandsfähig macht – auf Resilienz und
Schutzfaktoren. „Psychische Gesundheit bedeutet nicht das Fehlen von Problemen“,
erläuterte sie, „sondern die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen.“ Entscheidend sei das
Zusammenspiel von biologischen Anlagen, psychischen Ressourcen und sozialen
Bedingungen – das sogenannte bio-psycho-soziale Modell.
Besonders resilient entwickeln sich Kinder und Jugendliche, wenn sie in einem stabilen
Familiensystem aufwachsen, soziale Unterstützung durch Eltern, Freunde und Schule
erfahren, Selbstwirksamkeit erleben (also die Erfahrung machen, dass das eigene Handeln
etwas bewirkt), lernen Emotionen zu regulieren und regelmäßig körperlich aktiv sind –
empfohlen werden mindestens 60 Minuten Bewegung pro Tag. Besonders eindrücklich war
Dr. Herrmanns Analogie zur körperlichen Gesundheit: So wie das Herz durch wechselnde
Belastung und Erholung trainiert wird, brauche auch die Psyche Übung – im Umgang mit
Emotionen, im Aushalten von Frustration, im Erleben von Fortschritt. „Wer einem Kind jede
Schwierigkeit abnimmt, nimmt ihm auch die Chance, stark zu werden“, so die
Kinderpsychiaterin sinngemäß.
Einen überraschenden, aber wissenschaftlich gut belegten Schutzfaktor hob Herrmann
eigens hervor: Natur. Eine dänische Langzeitstudie zeige, dass Kinder, die in grüner
Umgebung aufwachsen, als Erwachsene ein um bis zu 55 Prozent niedrigeres Risiko für
psychiatrische Erkrankungen aufweisen – mit einem klaren Dosis-Wirkungs-Effekt. Natur als
Rückzugsort, als Ort der Bewegung und als Quelle von Ruhe und Exploration sei ein
unterschätzter Baustein der psychischen Gesundheit.
Prävention beginnt im Alltag – und früher als gedacht
Wann ist ein Kind ’normal‘ auffällig – und wann sollte man handeln? Diese Frage stellte Dr.
Herrmann ins Zentrum des zweiten Teils ihres Vortrags. Ein einzelnes Symptom, eine
schlechte Phase, ein Stimmungstief: Das gehöre zur Entwicklung. Kritisch werde es erst,
wenn Symptome dauerhaft anhalten, den Alltag einschränken, Hobbys wegfallen oder
typische Entwicklungsschritte ausbleiben.
Für die Prävention gab Herrmann dem Publikum konkrete Impulse mit auf den Weg: Kinder
sollten Selbstständigkeit zugetraut bekommen – vom selbst gebundenen Schuhband bis zum
selbst erledigten Telefontermin. Streitigkeiten unter Gleichaltrigen sollten Kinder möglichst
selbst lösen dürfen. Hobbys, bei denen echte Fortschritte sichtbar werden, stärken das
Selbstvertrauen. Und: Eltern sind die wichtigsten Vorbilder, wenn es darum geht, mit
Rückschlägen umzugehen.
Ein weiterer Befund des Abends: 50 Prozent aller psychischen Erkrankungen manifestieren
sich bis zum 14. Lebensjahr, 74 Prozent bis zum 18. Lebensjahr. „Das bedeutet“, so
Herrmann, „dass Prävention und frühzeitige Unterstützung keine Option sind, sondern eine
Notwendigkeit.“
Auch eine Warnung gab es von der Expertin. Tik-Tok-Videos zu psychischen Erkrankungen
seien nach einer Studie zu gut 80% falsch, übergeneralisiert oder zeigen nur Einzelfälle. Die
Integrationsstiftung setzt dem ihre Homepage www.starkekids-schwabach.de mit Infos und
Hilfeangeboten entgegen.
„Kein Verbot ohne Ersatz“: Forderung nach gesetzlichem Social-Media-Schutz für Kinder
Auf eine Nachfrage aus dem Publikum, ob das politisch diskutierte Social-Media-Verbot für
Kinder sinnvoll sei, antwortete Dr. Herrmann aus medizinischer Sicht mit einem klaren „Ja“.
Die Datenlage spreche für sich: Erhöhte Bildschirmzeiten, Cybermobbing, sozialer Vergleich
und die permanente Konfrontation mit belastenden Inhalten seien mit nachweislich
schlechterer psychischer Gesundheit assoziiert. Laut der COPSY-Studie haben Kinder und
Jugendliche, die unter krisenbezogenen Zukunftsängsten leiden, ein 3,4-fach erhöhtes Risiko
für psychische Auffälligkeiten – und soziale Medien verstärken genau diese Ängste.
Entscheidend ist dabei Herrmanns Einschränkung: Ein Verbot allein reiche nicht. „Wenn wir
Kindern die sozialen Medien wegnehmen, müssen wir ihnen etwas zurückgeben“, sagte sie
sinngemäß. Gemeint sind z.B. mehr Sport- und Bewegungsangebote, also Möglichkeiten, die
dem echten Leben, der echten Begegnung und der Erfahrung von Selbstwirksamkeit Raum
geben.

